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Integrative Arbeit zwischen der

Offenen Behindertenarbeit der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung, Kreisvereinigung Amberg-Sulzbach

und dem

Max-Reger-Gymnasium Amberg

 

 

Im Bay EUG ist festgeschrieben, dass Schulen, neben ihrem Bildungsauftrag, insbesondere auch die Aufgabe zukommt, zur Achtung vor jedem Menschen zu erziehen. So pflegt das Max-Reger-Gymnasium seit 1996 außergewöhnliche Kontakte zur Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung. Eingebunden ist hierbei ein Musiklehrer des genannten Gymnasiums, so­wie Schüler der Oberstufe, und dabei besonders der Leistungskurs Musik.

 

Lehrer und Erzieher, die Kooperationsmaßnahmen anregen und begleiten, stehen in einer großen Verantwortung. Zunächst müssen sie die „Kultur“ des behinderten Menschen im Blick haben. Kultur wird hierbei nicht nur als „Höheres“, als Kunst, Wissenschaft oder Reli­gion verstanden, sondern als der Lebensprozess der Individuen selbst, als die Art und Weise, wie auch blinde Augen, gelähmte Beine und ein verwirrter Geist ihr Leben und ihre Handlungen mit Sinn und Bedeutung erfüllen. Nur so ist es möglich, dem Weg der Verstän­digung die Tür zu öffnen und künstliche Grenzen aufzuheben. Behinderung ist nicht nur me­dizinisches Schicksal, sondern muss als eine Spielart des Lebens definiert werden. Dies ist auch das Ziel, das es den Schülern zu vermitteln gilt.

 

Das Max-Reger-Gymnasium ist ein Gymnasium, in dessen Schulprofil die soziale Kompo­nente als wesentlicher Bestandteil verankert ist. Aus dieser Verknüpfung heraus lag es nahe, sich die Musik in ihrer emotionalen Wirkkraft für die Kooperationsidee zunutze zu machen. Nach anfänglichen gemeinsamen Konzertbesuchen, Gottesdienstvorbereitungen und musi­kalischen Projekten sollte der Kontakt nun intensiver und nachhaltiger gestaltet werden.

 

Bereits zum neunten Mal fand in diesem Sommer ein so genanntes integratives Musikwo­chenende statt. Vorbereitet und geleitet wurden diese Tage von OStR Wolfgang Herrneder, Musiklehrer am Max-Reger-Gymnasium, und Hildegard Legat, Leiterin der Offenen Behin­dertenarbeit der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung. Neun Gymnasiasten und neun geistig behinderte Schüler trafen sich im „Haus der Begegnung“ im Kloster Ensdorf und ver­brachten drei Tage zusammen. Um den behinderten Teilnehmern die Orientierung zu er­leichtern, wurden in diesem Zeitraum jeweils zwei feste Partner beider Schularten einander zugeordnet. Sie arbeiteten zusammen, unterstützten einander und lernten voneinander. Auch bei pflegerischen Arbeiten leisteten die Gymnasiasten Hilfestellung.

 

An jedem der Wochenenden stand ein bestimmtes Thema wie „klassische Komponisten“, „Mozart und seine Zauberflöte“, „Rhythmus“ oder „Afrika, Afrika“ im Vordergrund. Auf vielfäl­tige Weise wurde die Musik erlebt und erfahrbar gemacht, gemeinsame Anknüpfungspunkte für Sonderschüler und Gymnasiasten entstanden. Das Umsetzen von Musik in Bewegung und Bilder, gemeinsame Improvisation und Rollenspiele standen dabei ebenso auf dem Pro­gramm wie das Einüben klassischer Musikstücke auf Geige, Klavier und Veehharfe. Zwi­schen den Arbeitseinheiten kamen aber auch der Spaß, Entspannungs- und Erholungspha­sen nicht zu kurz. Die Einbindung auch schwerst- und mehrfach behinderter Schüler war dabei ein besonderes Anliegen. Losgelöst von allen Schulzwängen wurde so dem sozialen Lernen breiter Raum gegeben und die Schüler durften miteinander tiefe und überraschende Erfahrungen machen.

 

Bereits bei einem ersten Kennenlerntreffen wurden Unsicherheiten ausgeräumt, Barrieren abgebaut und die Schüler auf die gemeinsame Zeit vorbereitet. Das Nachtreffen bot dann die Gelegenheit, sich am Wiedersehen zu freuen und das Wochenende mit etwas Abstand kri­tisch zu beurteilen. Stets wurden die Ergebnisse dieser Tage bei verschiedenen Veranstal­tungen, wie zum Beispiel beim musischen Abend des Max-Reger-Gymnasiums, der Öffent­lichkeit vorgestellt.

 

 

Bei der Durchführung eines solch intensiven Projekts sind einige Prinzipien von großer Be­deutung.

 

  • Das Prinzip der gleichberechtigten Begegnung:
Die Mehrheit der Begegnungen gei­stig behinderter Menschen mit uns „Normalen“ vollzieht sich in Bereichen, in denen Profis tätig sind. Diese setzen sich für die Belange der behinderten Menschen ein und versuchen bestimmte Entwicklungen zu unterstützen. Dagegen spielt in unserer Gruppe die in Defiziten begründete Ungleichheit eine wesentlich geringere Rolle. Un­gleiches wird als gleichwertig betrachtet, Unterschiedliches kann zum Gelingen bei­tragen, gegenseitige Wertschätzung entsteht trotz dieser Differenzen. Wir alle haben die Fähigkeit zum gemeinschaftlichen kreativen Gestalten. Können wir diese Fähig­keit nach unseren Möglichkeiten ausleben, so erfahren wir in besonders intensiver Weise unser Menschsein.

 

  • Sinnvolle Kooperation basiert auf Freiwilligkeit:
Keiner wird zu seinem „Glück“ gezwun­gen, niemand erfährt groben Zwang, sich nach den Wünschen und Bedürf­nissen anderer zu richten. Denn dies würde kreatives Handeln erheblich einschränken.

 

  • Die Akzeptanz individueller Kreativität:
Unsere Gruppe bietet den behinderten Teilneh­mern eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich zu entfalten. Dennoch haben Nichtbehinderte zuweilen Schwierigkeiten, diese individuelle Kreativität anzuerken­nen. Zu gerne wird korrigiert und perfektioniert. Das Akzeptieren unge­wöhnlicher Ideen muss gewollt, geübt und verstanden werden, benötigt Zeit und Sensibilität.

 

  • Das Prinzip der Außenwirkung:
Die Darstellung unseres gemeinsamen Tuns in der Öf­fentlichkeit darf nicht als reiner Selbstzweck betrachtet werden, sondern möchte etwas in Bewegung setzen und verändern. Betrachter und Zuschauer erleben geistig behinderte Menschen häufig zunächst nur als defizitär. Wir wollen dieses Vorurteil erschüttern und Außenstehenden die Fähigkeiten geistig Behinderter erleben lassen. Wir möchten Erstaunen über ihre Werke und Möglichkeiten erwecken.

 

 

Welche Bedeutung hat nun diese intensive Kooperation für die Teilnehmer?

 

Für den behinderten Menschen ist es der Raum, der Gelegenheit bietet, sich seinen Fähig­keiten zuzuwenden, aber auch neue Entwicklungsmöglichkeiten zu erfahren. Die Gruppe ist der Ort, an dem er Wertschätzung erfahren kann, aber an dem er auch lernt, mit Kritik kon­struktiv umzugehen. Der behinderte Teilnehmer muss – vielleicht manchmal schmerzlich – erfahren, dass er rascher als die Gymnasiasten an seine Grenzen stößt. Aber er darf Aner­kennung erleben, unabhängig von Qualitätsnachweisen. Vieles vom gemeinsam Erlebten lässt sich zu Hause wiederholen und vertiefen. Er erlebt sich als mitverantwortlich für das Gelingen eines Projekts und erfährt sich als wertvoll und wichtig. Auch wenn bei einzelnen Schülern die Schwere der Behinderung eine aktive Teilnahme nicht zulässt, so können sie doch von Klangangeboten und dem Geschehen um sie herum profitieren und die liebevolle Zuwendung der Gruppenmitglieder genießen.

 

Für die Gymnasiasten ändert sich häufig die grundlegende Einstellung gegenüber behin­derter Mitmenschen. Sie erscheinen ihnen nicht mehr lediglich als hilfsbedürftig, sondern werden in all ihren Stärken und Fähigkeiten wahrnehmbar. Eigene Wertvorstellungen werden überdacht, Gewohntes wird in Frage gestellt und kritisch überprüft. Die Schüler begegnen ihrem behinderten Partner nicht mehr mit einer künstlich aufgeblähten Hilfsbereitschaft, sondern erleben tiefe mitmenschliche Begegnung. Die Auseinandersetzung mit Ungewohn­tem führt zu Zufriedenheit und Dankbarkeit, nicht messbare Leistung, sondern emotionale Fähigkeiten werden zum Maßstab eines lebenswerten Daseins. Die Spontaneität behinderter Menschen und ihre Offenheit kann eine befreiende Wirkung auf zu verkopftes Denken und Handeln haben. Scheinbar Sinnloses wird als durchaus nützlich erkannt, Hilfe zu geben ge­winnt die Qualität einer respektvollen und befriedigenden Wechselbeziehung.

 

Wohl wissend, dass Integration mehr Weg als Ziel ist und einen langen Atem erfordert, wer­den diese Projekte weitergeführt. Die Planungen für das Musikwochenende 2010 sind im Gange.

 

 

Lit.:

Niedecken, Dietmut: Namenlos,Luchterhand-Verlag, Neuwied 1998

Unbehindert miteinander leben, Themenheft zur Woche für das Leben 1994

Kunstgruppen, Projekte für bildnerisches Gestalten geistig behinderter Menschen, Marburg 2001

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 10. November 2009 um 18:18 Uhr
 
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