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Wozu brauchen Menschen Literatur?
Vorlesung von Prof. Dr. Herta-Elisabeth Renk im W-Seminar Deutsch
Die strukturelle Konzeption der „wissenschaftspropädeutischen Seminare“ (W-Seminare) in der Oberstufe des Gymnasiums soll in besonderer Weise Methoden wissenschaftlichen Arbeitens profilieren und dieso so den Schülern vertraut machen. Ein für Gymnasiasten gänzlich unbekanntes Unterrichtsformat, die universitäre Vorlesung, konnten die Schülerinnen des W-Seminars Deutsch „Urszenen in der europäischen Literatur“ im Max-Reger-Gymnasium erleben.
Die Münchener Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Renk kam an das MRG, um am Beispiel von Lessings Nathan (1779) die Frage nach dem Sinn von Literatur und v. a. dem Ziel literarischer Interpretation aufzuwerfen: „Literatur ist keine Erfindung des Lehrplans – die frühesten Schriftzeugnisse unserer Kulturen sind Verse und Geschichten. Die Erzählung von Gilgamesch und seinem Freund Enkidu ist etwa 5.000 Jahre alt, die mündlich überlieferten Erzählungen der aborigines mindestens 30.000 Jahre. Es sieht ganz so aus, als würden Menschen Geschichten zum Leben brauchen. Mehr als so vieles andere, was wir für unverzichtbar halten. Warum ist das so? Meine eigene Erklärung kann ich hier nur als These präsentieren (...). Ich denke, es liegt daran, dass wir auch unser eigenes Leben als Geschichte begreifen und gestalten: mit einem Anfang, einer Entwicklung, Höhen und Tiefen bis zu einem hoffentlich glücklichen Ende. Gerne vergleichen wir unsere eigene Geschichte mit fremden und darum füllt die Neugier auf fremdes Leben heute Klatschspalten und Talkshows, früher nährte sie nationale Mythen. Der Skandal um Königin Helena und ihren trojanischen Prinzen wäre heute Futter für die Promi-News – in der Bronzezeit hat ihn Homer erzählt. Und so wie der einzelne den Sinn seines Lebens in seiner Lebensgeschichte sucht, so vermitteln die Geschichten der frühen Hochkulturen auch deren Sinnangebote für ganze Völker: ihre Religion, ihre Geschichte, ihr Selbstverständnis.“ – so Renk. Vor diesem Hintergrund betonte Renk die Rolle des Interpretierens: Dies sei kein Vorrecht vermeintlich „eingeweihter“ Germanisten und Rezensenten, sondern sei der ganz natürliche Drang eines jeden Lesers, der für sein privates Involviert-Sein einen privaten Ausdruck sucht. Jeder Text, jede literarische Situation ist für den individuellen Leser von individueller Bedeutung – ein Nachahmen von „Experten-Interpretationen“ werde daher dem Wesen von Literatur in keiner Weise gerecht.
Nach diesen literatur-theoretischen Ausführungen demonstrierte Renk am Nathan, wie sehr das stetige Nachsprechen tradierter Interpretationsmodelle einen valenten Text in seiner Aussagekraft demontiert. Anhand der Szene II,5, in der sich Nathan und der Tempelherr zum ersten Mal begegnen, zeigte Renk ihren völlig neu perspektivierten Blick auf Nathan. Orientiert an den Interpretationslinien „Lessings stumme Sprache des Erkennens Gleichgesinnter“, „Empathie und privates Verständnis“, „Die Atmosphäre latenter Gewalt“, „Ergebung in Gottes Willen“, „instrumentalisierte Religionen“, „Vernunft und Menschlichkeit“, „Lebens- und Vernunftkrisen zwischen den Fronten“ und „Nathan und der Konflikt der Aufklärung“ zeigte sie einen anderen Nathan als den des stets vernünftig Toleranten (Renk: "Der Tempelherr sprach mir aus der Seele, wenn er diesen Nathan einen toleranten Schwätzer nannte (IV,4)."). Abschließend ermutigte die Wissenschaftlerin die Schülerinnen auf ihrem Weg zur eigenen Interpretation: „Man kann uns viel erzählen über Vernunftreligion und Aufklärung – wie sie sich aber anfühlt, was sie kostet, mit wem man da im gleichen Boot sitzt – das können Sie nur in einer Geschichte erleben, nachvollziehen und auf Ihre eigene Geschichte beziehen. Dazu – nicht für Kritiker und Germanisten – ist Literatur da. Und durch nichts zu ersetzen.“
Was zunächst als Experiment begonnen hatte, war für die Schülerinnen des W-Seminars ein bleibender Eindruck und eine interessante und instruktive Erweiterung ihres schulischen Alltags.
(Die Druckfassung der Vorlesung "Wozu brauchen Menschen Literatur?" ist bei StR Meier erhältlich.)
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